Auswandern aus Flandern

Wieso heißen Vorfahren eigentlich Vorfahren? Zumal es Autos menschheitsgeschichtlich noch gar nicht sooo lange gibt?

Bis vor hundertzwanzig Jahren müsste es demnach mehr Vorreiter gegeben haben als Vorfahren, oder? Vor hundertzwanzig Jahren hatten vielleicht höchstens zwei Bewohner einer größeren Ortschaft ein Auto.
Die anderen fuhren und fahren in manchen Ländern bis heute eher Kutsche. Vorkutscher gibt es aber nicht im Sprachgebrauch.

Was also hat es auf sich mit den Vorfahren?

Meine Vorfahren waren sesshaft. Bauern. Ein Zweig meiner Vorfahren waren Bauern in Flandern im siebzehnten Jahrhundert. So weit zurück ist ein Ahnenforscher meiner Familie gekommen. Als ich so weit war, ihn genauer interviewen zu wollen, hatte er sich schon verändert. Er wollte im Heute leben und sich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen. Ist auch ein lobenswerter Ansatz. Im Heute lebe ich auch immer. Immer genau jetzt.

Und in diesem Jetzt frage ich mich, was die Vorfahren mit mir zu tun haben. Vielleicht bin ich heute so wie ich bin, weil sie so waren, wie sie waren beziehungsweise was sie waren. Bauern. In Flandern.

Meine Familie ist arbeitsam. Bauern arbeiten auch immer. Schon ein Spaziergang, und die benachbarten Bauern schauen dich schief an. Na, hat der nichts zu tun? Kann der sich leisten, einfach so in der Gegend herumzuspazieren? Ohne Sinn und Zweck? Wir sind keine Bauern mehr, die Familie meines Vaters lebt ohne Bauernhof. Aber bis dahin waren wir väterlicherseits und großmütterlicherseits ebenfalls Landbewirtschafter. Vom siebzehnten Jahrhundert spätestens, wahrscheinlich schon viel früher, bis zum Jahr 1945. Also ich selber nie, ich bin erst zwanzig Jahre später geboren, aber vor meiner Zeit liegt diese lange bäuerliche Familiengeschichte.

Wir verlassen unser Land nicht. Kleben an der Scholle. Ich bin auch ein äußerst sesshafter Mensch. Meine Freundinnen wundern sich immer wieder über meine mangelnde Reiselust. Wir verlassen unser Land immer nur gezwungenermaßen, wenn die Umstände es erfordern. Und bleiben dann wiederum dort, wo es uns hinverschlagen hat. Lange. So lange es geht.

Auswandern aus Flandern muss damals mit den Religionskriegen zu tun gehabt haben. Oder aus erbrechtlichen Gründen. Entweder war der Bauernhof zu klein, um mehrere Brüder zu ernähren. Bauernhöfe und Ländereien wurden damals aufgeteilt. Also je mehr Söhne ein Bauer hatte, um so kleiner wurden die Höfe und Äcker der Kinder. Entweder sind zwei Brüder vor vierhundert Jahren nach Westfalen ausgewandert, weil sie keinen Boden mehr unter den Füßen hatten. Oder sie wichen mit ihren Familien den religiösen Verfolgungen. Was familienhistorisch für wahrscheinlicher gehalten wird. Sie waren deutsch und evangelisch. Flandern nicht immer nur. Manchmal ist es besser, wenn man geht. Es könnte sonst sein, dass man kein Vorfahre für andere mehr wird. Dass man vorher sein Leben lässt.

Sie ließen sich wieder nieder. Kamen jedoch vom Regen in die Traufe. Mussten wegen dem gerade beginnenden dreißigjährigen Krieg wieder weiterziehen. Lebten dann in Süddeutschland besser und länger. Ein Nachfahre von ihnen und Vorfahre von mir wanderte hundertsechzig Jahre später weiter östlich ins (heute ukrainische) Galizien. Dort gab es eine deutsche (von Staats wegen östereichische) Ansiedlung. Man kannte sich. Man wurde miteinander verwandt. So ging es jahrzehntelang gut, sogar länger. Als das Leben dort wieder schwieriger wurde für die deutschen Bauern mit Migrationshintergrund, zog mein Urgroßvater wieder zurück gen Westen. Er erwarb Land in einem Deutschland, das es heute nicht mehr gibt. Eine Zeitlang gehörte ihm sein Land. Nach dem ersten Weltkrieg änderte sich der Staat. Das Land gehörte zu Polen. Viele Deutsche wanderten wieder westlich aus Polen heraus. Die Bauern blieben großenteils. Bauern können ihr Land meistens nicht so gut huckepack nehmen. Sie lieben es wahrscheinlich auch. Und können oft nichts anderes als ihren schönen Beruf. Sehen keinen Sinn in einer anderen Tätigkeit.

Meine Urgroßeltern jedenfalls wollten nicht von ihrem Land lassen. Wie auch immer es damals hieß. Provinz Posen. Wartheland. Auch als die russische Front immer näher kam, nicht. Sie wollten sich von ihrer Aussteuertruhe nicht trennen. Das Ende vom Lied war, dass man sie gewaltsam von ihrer Kutsche…

Wir bewegen uns eben ungern von zuhause fort. So bin ich auch. Danke, liebe fleißige sesshafte landliebende umherwandernde und ehemals weiterlebende Vorfahren, Vorreiter und Vorkutscher, dass es mich gibt.

Schön zu wissen, dass ich auf Euch aufbauen kann. Was auch immer.

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Der Mantel

Vom Opfer zum Helden gibt es nicht. Parzival hat ausgedient. Die Heldensagen sind erzählt und vorbei. Sich durch Kämpfe Sporen verdienen, das war einmal.

Heute weiß man: Das Leben ist ein Kreis, es läuft im Kreis.

Vermutlich sogar spiralförmig. Du befindest dich auf deinem Weg, in irgendwelchen Windungen, und meistens ist gar nicht klar, ob es gerade bergauf oder bergab geht. Du bekommst es gar nicht mit. Das Leben ist immer gemischt. Gewinnen und Verlieren ist immer dabei und alles eine Frage der Perspektive.

„Der Mensch blickt zurück und sieht, sein Pech war sein Glück“ ist ein Trost, der für manche nicht mehr greift. Wenn du gegen Ende deines Lebens zurückblickst und nicht mehr hoffen kannst, dass dein Pech noch zu Glück wird.

Das Ende ist voller Verstrickungen, die du nicht mehr auflösen kannst. Vielleicht wegen äußerer Umstände, wegen der davonlaufenden Zeit, wegen der Charaktere, die dich umgeben und mit denen du zeitlebens zu tun hattest. Entwicklungen, die du dir nicht ausgesucht hast. Veränderungen, die du nicht mehr verstehst. Die nicht in dein lange geprägtes Weltbild passen.

Das Alter verändert die Perspektive noch einmal.

Was du jetzt bereust, sind andere Dinge als die, für die du im Leben standest und geschätzt wurdest. Du bereust vielleicht, genau so gewesen zu sein, wie du warst. Wofür dich andere geschätzt und bewundert haben. Wozu?

Sehr alte Leute, die in der prüden Zeit von vorgestern aufgewachsen sind und sich jetzt mit der Jugend von gestern und heute vergleichen, bereuen vielleicht, dass sie in der prüden Zeit von vorgestern aufgewachsen sind. Oder sie entdecken selbstkritisch Charakterfehler und stellen fest: „Ich war immer zu stolz.“ Vorgestern.

Sie haben das Leben gemeistert und alle Herausforderungen überstanden, haben standgehalten. Und jetzt? Wozu war das alles gut? Hast du vielleicht das eigentlich Wichtige verpasst? Deine Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft, weil dir Sachzwänge im Weg standen? Politische Entwicklungen auch? Andere Menschen sich stärker durchgesetzt haben? Deine Unterstützung und Hilfe brauchten? Wo bist du geblieben? Du Held? Hm? Du Opfer?

Man weiß es nicht.

Zum Leben gehört Mut, klar. Und Glück. Zum Überleben gehört Glück. Und Solidarität mit anderen, Unterstützung von anderen. Es funktioniert niemals allein. Der Einzelmensch ist ein Hirngespinst aus der Zeit des Idealismus. Mit Auswirkungen auf die Romantik.

Für Romantiker bedeutet Überleben … aber das erspare ich Euch. Die blaue Blume suchen wir heute nicht. Weder den goldenen Gral für Parzival noch die blaue Blume der Romantiker.

So wie Muskeln das Skelett zusammenhalten, so wie Seile und Taue gedreht werden, so spiralförmig in sich verschlungen ist das Leben.

Ihr könntet zum Beispiel einmal Schafwolle weben.

Ein langer Mantel könnte daraus entstehen. Ein Mantel, der jemanden wärmen soll, aber am Ende seiner Zeit nur noch etwas Fetzenhaftes an sich hat. Löcherig geworden ist.

Der dünne Penner schleicht in langem grauen Mantel wie ein Gespenst durch die kleine Studenten-Großstadt. Ein langer Kerl mit zotteligen Haaren und Bart, noch nicht alt, die Haare nicht ansatzweise grau, sondern braun. Barfuß. Immer stumm. Ab und zu kauft er etwas im Supermarkt ein. Nachts schläft er in Hauseingängen oder irgendwo draußen. Er lebt auf der Straße.

Schafe sind Herdentiere. Was für Menschen, die in sozialen Gefügen aufwachsen, unerklärlich scheint, ist das Verhalten von Schafen.
Schäfer haben mir von dieser besonderen Starre berichtet, in die Schafe verfallen. Man muss ihnen helfen, wenn sie auf dem Rücken liegen, und sie wieder auf die Seite drehen. Den Rest schaffen sie dann von selbst. Ohne Hilfe von außen sterben sie sonst schließlich vor Angst.

Was ich nie verstanden habe, ist das Verhalten der anderen Schafe.

Sie müssten doch sehen, wenn ein Artgenosse auf dem Rücken liegt. Erkennen sie das Problem nicht? Haben sie keine Ideen? Warum schubsen die anderen Schafe das eine nicht wieder auf die Seite? Das wird mir für den Rest meines Lebens ein Rätsel bleiben.

Der dünne Penner schleicht in langem grauen Mantel wie ein Gespenst durch die kleine Studenten-Großstadt. Ein langer Kerl mit zotteligen Haaren und Bart, noch nicht alt, die Haare nicht ansatzweise grau, sondern braun. Barfuß. Immer stumm. Ab und zu kauft er etwas im Supermarkt ein. Nachts schläft er in Hauseingängen oder irgendwo draußen. Er lebt auf der Straße.

Er existiert auf der Straße noch ein wenig herum. Eigentlich hat sein Leben aufgehört in dem Moment, als seine komplette junge Familie bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Vielleicht gibt er sich die Schuld? Ich weiß es nicht. Jetzt wird er im Schlaf von Betrunkenen angepinkelt. Der Mantel.

Vom Wort zum Buch – zum Wörterbuch!

Mit Heide und Niklas auf der Yacht von Yogi macht das Nachschlagen einen Riesenspaß. Die Wörterbuch-Familie ist lustig und bunt. Man blättert schon allein deswegen alle Kapitel durch, um zu wissen, wie es weitergeht. Wer macht wieder was Verrücktes? Jemand hat sich das alles ausgedacht. Eine Wörterbuch-Redaktion hat sich alphabetische Kapitelüberschriften ausgedacht, Alliterationen, die Kindern Spaß machen, die man sich bildlich vorstellen kann, humorvoll und ein bisschen verrückt, zumindest ungewöhnlich.

„Heide hütet hundert Heuschrecken“ und „Nashorn Niklas niest nachts nie“. Wer hätte das gedacht?!

Wie kommt es dazu?

Wie kommt es dazu, dass ich ein Fidibus-Wörterbuch vom Ernst Klett Verlag, Stuttgart/Leipzig, für Schüler/innen ab dem fünften Schuljahr in Händen halte?

Mit weihnachtlichen Zungenbrechern in der Adventszeit, mit brutzelnden Bratäpfeln im Backofen kam es dazu. Völlig überraschend. Über Twitter.

Deutsch-Klett hat Spaß an Zungenbrechern, Heinz Erhardt hätte sich gefreut! Ich mich auch. Habe spontan geantwortet und mitgemacht. Und jetzt diese Überraschung in meinem Postkasten, danke schön, Klett Verlag!

Endlich habe ich auch eine übersichtliche Zusammenfassung der neuen Rechtschreibung. Alles ist sehr gut nachvollziehbar und modern aufgebaut. Ok, Nebensätze waren ein Prüfungsthema in meinem Nebenfach Deutsche Sprachwissenschaft, Dozent war der Leiter der Arbeitsstelle Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm in Göttingen gewesen. Von daher trifft es die Richtige. Mit Wörterbüchern kenne ich mich aus. Es ist richtig, richtig, richtig schön. Hätte auch großen Spaß daran, bei solchen guten Büchern mitzuwirken.

Werde es auf jeden Fall gerne herumzeigen und weiterempfehlen. Gute Bücher verdienen das. Die deutsche Sprache auch.

Hier geht’s zu den Zungenbrechern und den Kommentaren, mit den Einsendungen aus dem vorweihnachtlichen Spiel:

https://deutsch-klett.de/weihnachtliche-zungenbrecher-zur-sprachfoerderung

Erste Schritte – danke Euch für 2018

Vor einem Jahr war nicht abzusehen, dass man mich mal im Internet finden würde.

Einen Tag vor Weihnachten 2017 hatte ein Sauerländer Magazin meine Beobachtungen zum “Unterschied Sauerland – Franken“ auf Facebook veröffentlicht und mich darüber in Kenntnis gesetzt.

Es war ein wunderschönes Geschenk, mit netten Kommentaren von Franken und Sauerländern, hat unglaublich viel Spaß gemacht, ging aber natürlich irgendwann in der Menge von anderen Beiträgen und Themen unter :-)

Das Woll-Magazin brachte dann im März 2018 meinen Zwergen-Text an die Öffentlichkeit, der von meinem Vater und seiner Einstellung zu “Ratten und Zwergen“ handelt. Mein erster richtiger Kurztext im Internet!

https://www.woll-magazin.de/2018/03/04/gartenzwerg-ausgesetzt/

Im April 2018 schoss Eva Ihnenfeldt mit ihren Steadynews den Vogel ab.

Sie veröffentlichte meinen Text “Weil wir tapfer sind“:

https://steadynews.de/management/dita-nerbas-weil-wir-tapfer-sind-apr-2018

Vielen Dank!

Ihr habt mir Mut gemacht, noch mehr zu zeigen. Seit Mai 2018 gibt es endlich diesen kleinen Blog. Mein Lieblingshobby. :-)

Danke auch allen Lesern und Testlesern und Rückmeldern per Mail oder Likes. Ihr seid richtig cool. Macht Spaß mit Euch!

Wünsche Euch was

Noch nie hatte ich weniger Silvester-Gefühl als heuer. Heuer muss man erklären für Leute, die nicht in Bayern leben: Heuer bedeutet „dieses Jahr“. Damit ist es eigentlich schon verjährt, denn ich spreche ja vom Übergang von 2018 auf 2019, also vom letzten Jahr. Von Gestern.

Ist Euch eigentlich klar, dass wir nicht nur ein neues Jahr haben? Richtig, wir haben insbesondere über Nacht einen neuen Tag erhalten. Heute ist einfach nur ein neuer Tag. Außer dass eine andere Jahreszahl im Datum steht. Simpel, oder? Und dafür der ganze Aufwand???

Das ganze Geböller, die Ohrenschützer, das Beruhigungsöl und die Streicheleinheiten für’s Haustier, damit es nicht durchdreht? Die Hamsterkäufe am Tag vorher? Die Angst zu verhungern oder den Gästen nicht alles anbieten zu können, was sie eh nicht brauchen? Hm?

Noch nie hatte ich weniger Silvester-Gefühl als heuer. Das hat aber überhaupt nichts zu bedeuten. Alles andere war so wie immer, wie an anderen Jahreswechseln auch, nur mein Silvester-Gefühl fehlte. War vielleicht nicht eingeladen und stand irgendwo schmollend in einer Straßenecke, wer weiß?

Was ist das Silvester-Gefühl?

Meinen Jahresrückblick 2018 hatte ich bereits zufrieden nach dem letzten Arbeitstag vor Weihnachten zusammengefasst. Vermutlich hat das Silvester-Gefühl nicht sehr viel mit Rückblicksgedanken zu tun.

Mein vergangenes Jahr hat sehr viel Neues gebracht (wen wundert’s, das hat das Leben so an sich! ;-) Es war viel Gutes dabei, Unvorhersehbares, und auch einige Herausforderungen, durch die ich mich verändert habe. Es gab Neues zu lernen, Veränderungen anzustoßen, andere hinzunehmen, Konflikte auszuhalten, manche zu lösen, andere nicht. Wie es halt so ist. Ich konnte mich teils nützlich machen und war andernteils unsichtbar. Beides. Wie es halt so ist. Im Leben. Also damit hat das Silvester-Gefühl vermutlich nichts zu tun.

Das Silvester-Gefühl, wie ich es kenne, ist so eine überbordende Hoffnung. Du schaust wie von einem Berg in die Wolken oder wie vom Strand aufs Meer und hast so eine Art Riesen-Aussichtsmöglichkeit. Es hat etwas Magisches.

Du glaubst, dass du mit dem Jahreswechsel eine magische Grenze überschreitest und danach ein hoffnungsvolles neues tolles Jahr mit neuen Möglichkeiten anfängt. Irgendwann verläuft sich das im Alltag. Wie jedes Jahr. Und erst wenn die neue Zahl näher rückt, merkst du wieder, ach ja, da war doch was, das alte Jahr war einmal ein neues gewesen, und das hatte mir irgendwas … bedeutet. Hm. Ok. Machen wir einen neuen Anfang mit dem nächsten.

Ich wünsche Euch, dass Ihr immer ein tolles Heute habt. Ein magisches Jetzt-Gefühl. Das magische Jetzt-Gefühl ist mit keinem anderen zu vergleichen. Manchmal muss man blöde Jetzt-Gefühle aushalten. Klar. Aber Jetzt, nur jetzt ist der Moment.

Viel Glück und alles Liebe und Gute für 2019!

Empfehle Euch was

Hallo,

empfehle Euch was :=)

Da ich im Krebsgang (Sternzeichen) durchs Leben schleiche, mit Rückzugsphasen und im Seitwärtsgang, presche ich selten nach vorne und schon gar nicht in die Öffentlichkeit.

Mein kleiner Blog ist daher ab und zu auf “privat“ umgeschaltet, aber oftmals auch für alle sichtbar.
In solchen Phasen hat er ein paar Likes erhalten, die ich gerne mit Euch teilen möchte.

Zu Themen wie:
Essen und Trinken, Krankheit und Tod, Arbeit und Jobsuche, Leben allgemein …

Empfehlungen, Teil 1:

2018 wurde mein Blogtext “Anfängerglück“ zum Thema Backen von einigen Bloggerinnen geliked, deren schöne Seiten ich dadurch kennen lernen konnte:

https://reisespeisen.com
https://toertchenmadeinberlin.com
https://littlenecklessmonsterfood.com
https://kellerbande.wordpress.com

Wer Zeit und Lust hat zum Stöbern … :=)

Empfehlungen, Teil 2:

Meine Rezension zu Sabine Dinkels “Arschbombe in die Untiefen des Lebens“ hat zu anderen Bloggerinnen geführt:

– Geliked hat sie https://early50.de

– Und im Doppelpack mit ihrer eigenen Rez veröffentlicht hat sie Anja in ihrem untroestlich.blog
unter https://untroestlich.blog/2018/12/23/rezension-arschbombe

Empfehlung, Teil 3:

Tipps gibt Barbara als Frau Momo zum Beispiel unter https://fraumomosminimalismus.ch/das-vorstellungsgespraech

Ihr Minimalismus kommt mir sehr entgegen.

So, das war’s mit Empfehlungen, empfehle mich nun.

Wünsche Euch alles Gute und Liebe für 2019!

Dita

Endlich Anschreiben

Mein Lebenslauf war überarbeitet und optimiert. Jetzt richtig schön geworden. Immer schön, vorher auch, aber jetzt richtig schön.

Anschreiben hatte ich im Laufe des Coachings mühsam gelernt zu verfassen. Konnte es vorher nicht.

Ja, Ihr habt richtig gelesen, ich bin die ohne alles, die Germanistin, die keine Anschreiben schreiben konnte. Also irgendwelche schon, aber keine guten. Irgendwie nicht. Es fehlte an allem, worauf es ankommt.

Wir haben gelernt, worauf es ankommt. Ich war eine von denen, die Ideen umsetzen wollte und konnte. Coaching Ideen. Nach vielen Fehlversuchen war es dann so weit. Blut, Schweiß und Tränen… ;-)

Der Coach wollte von jedem ein Beispiel. Ich war die zweite Kandidatin, deren Anschreiben er vor der Klasse in Händen hielt. Er hatte schon einen solchen Gesichtsausdruck, also … das würde ja wohl wieder nicht … so wahnsinnig gut … sein können. Irgendwas mit falsch.

Beim Lesen wurden seine Augen immer größer. Er war ganz still. Am Ende gab er zu: „Das ist gut. Richtig gut.“

Ich sollte überlegen, ob ich es allen oder zumindest ihm als Muster zur Verfügung stellen wolle. Ja, vielleicht, wenn ich endlich wieder einen Job haben und es selbst nicht mehr brauchen würde. Natürlich habe ich anderen gerne bei ihren Anschreiben und Lebensläufen geholfen. Auf Anfrage. Selbstverständlich. Logo.

Leute, ich brauche Arbeit. Ich brauche einen guten neuen Arbeitsplatz …

Initiative

Intensiv-Coaching für Bestandskunden heißt die Maßnahme. Bestandskunden sind Langzeitarbeitslose. In der Theorie. Tatsächlich werden auch Arbeitnehmer/innen zugewiesen, die kurz vor der Rente stehen, ein paar Wochen oder Monate. Tatsächlich werden auch Arbeitslose zugewiesen, die erst seit drei Tagen arbeitslos sind. Unser Deutschlehrer hätte damals gesagt: „Thema verfehlt.“

Zielgruppe verfehlt. Woran mag das liegen? Gibt es etwa nicht mehr genug Langzeitarbeitslose? Oder sind die Vermittler nicht … Aber das geht mich nichts an.

Fakt ist, wir sind ein sehr gemischter Kurs. Zwei Drittel der Teilnehmer/innen haben ausgesorgt und „warten“ nur noch auf die Rente. Ich nenne sie kurzwörtig bereits jetzt „Rentner“. Um sie abzugrenzen von den wenigen, die tatsächlich noch einen Arbeitsplatz benötigen. Manche hören das dennoch nicht so gerne. Lachen aber mit.

Jede Woche kommen Neue in die Gruppe, andere gehen. An den Neuen sieht man Parallelen. Abgesehen davon, wie sich jede/r in der Gruppe einfügt und aufgenommen wird, gibt es diesen Perspektivenwechsel.

Von „Wo BIN ich denn hier?!“ zu „Wo bin ich denn HIER?!“ ;-)))

Die meisten merken bald, wie gut dieses Coaching wirkt.

„Geteiltes Leid ist halbes Leid, geteilte Freude ist doppelte Freude.“

Für die meisten von uns war zuletzt nur noch Zeitarbeit ein Thema. Die gleichen Stellen wurden über verschiedene Zeitarbeitsfirmen angeboten. Call-Center, Kraftfahrzeug-Schaden-Hotline. Man wird oft nur rekrutiert, um den Pool der Zeitarbeitsfirmen zu füllen, angebliche Stellenangebote werden wieder zurückgezogen oder waren von Anfang an ein Fake.

Und dann spricht der Coach plötzlich von selbstbestimmtem Leben. Und wir sollen eine Patientenverfügung machen. Uns heute noch mit dem Thema befassen.

Er spricht von den Märkten, wo Angebot und Nachfrage den Preis regulieren. Von den Rechtsgrundlagen im Arbeitsmarkt. Dass der Arbeitsmarkt anders funktioniert. Dass du der Anbieter deiner Arbeitskraft bist.
Sich in der Bewerbung positiv darstellen. Sicherheit gewinnen. Handwerkszeug bekommen. Auf Äußerlichkeiten mehr achten. Höflichkeit noch etwas höher hängen. Gute Wünsche wünschen.

Alles Selbstverständlichkeiten, die man aber oftmals nicht mehr beachtet. Vielleicht weil sie so selbstverständlich sind. Oder weil man entmutigt und erschöpft ist. Perspektivlos. Ohne Hilfe von außen. Sich hängen lässt. Es wirkt. Mehr Respekt. Sich selbst und anderen gegenüber. Die Ideen und Veränderungen annehmen. Einfach mal machen. Es wirkt und es wirkt sich aus. Auf das Selbstwertgefühl. Auf die Ideen. Auf das Handeln. Auf den Erfolg.

Übernehme Verantwortung. Hänge einen Zettel an den defekten Kaffeeautomaten, damit die anderen Teilnehmer/innen nicht auch noch ihre Fünfzig-Cent-Stücke verlieren. Nach Rücksprache mit dem Büro, das den Hausmeister informiert.

Kaputt verstehen auch die Teilnehmer/innen mit Migrationshintergrund. Schreibe „kaputt“ und „Hilfe kommt bald“. Alle zufrieden. Ich stolz. Dass ich nicht „defekt“ geschrieben habe.

Gruppengefühl. Initiative.

Ein Teilnehmer aus meinem Kurs steckt mir in der Selbstlernphase einen Zettel zu. Es ist ein Jobangebot.

Zwar etwas an meinem Profil vorbei, denn ich bin Verlagskauffrau im Buch-Verlag und keine Mediengestalterin. Aber immerhin sucht ein Zeitschriften-Verlag eine Mediengestalterin für fünfzehn Stunden pro Woche. Und es ist sehr nett von dem Kollegen, sich für mich zu engagieren.

Ich nehme die Gelegenheit wahr und setze mein neustes Coaching in die Tat um. Initiativbewerbung heißt das Zauberwort.

Bezaubert findet sich auch der Verlagsleiter. Er ist angetan. Von ein paar Stationen in meinem Lebenslauf. Verlagserfahrungen. Ausbildung mit IHK-Abschluss. Viele seiner Chefredakteure sind Quereinsteiger mit völlig anderen Studienrichtungen und Berufen. Da komme ich gerade richtig.

Sie können mich in Vollzeit nicht fest einstellen, bieten mir aber ein Verlagspraktikum an. „Wir helfen ja gerne.“ Damit ich meine Kenntnisse in Photoshop und InDesign auffrischen und zeugnisbelegt anwenden kann. Ich springe gerne auf diesen Zug.

Zeitschriften zu machen ist völlig anders als mein früherer langjähriger Job in der Weiterbildungsdatenbank mit Online-Redaktion. Tägliche Datenlieferung war damals vergleichbar mit Fließbandarbeit am Computer, wenn auch höchst anspruchsvoll und interessant. Außerdem konnten wir früher täglich nur im Team Erfolg haben. Öffentlich-rechtlich. Chefredaktionen mit einzelnen persönlichen Erfolgen gab es bei uns damals so nicht.

Im Fachzeitschriften-Verlag wird Planung für längere Zeiträume verlangt. Ganz andere Methoden-Skills und Umgang mit Terminen erforderlich. Regelmäßige Teilnahme an Messen ist üblich. Verschiedentliche Abstimmungen mit Druckereien müssen getroffen werden. Provisionen erhöhen das Fixum. Man ist abhängig vom Anzeigengeschäft. Es herrscht ein völlig anderer wirtschaftlicher Druck. Soweit ich das beurteilen kann. Aber es gibt auch mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Der Verleger kann kooperativ und kreativ geschäftstüchtig sein und nach Bedarf und Interesse neue Fachzeitschriften ins Leben rufen.

Die Initiative hat sich gelohnt.

Man begegnet mir beim Coaching-Maßnahmeträger von Seiten der Angestellten anschließend mit ein wenig mehr Achtung. Es scheint die Ausnahme zu sein, dass jemand so schnell Erfolg hat, oder wie habe ich das zu verstehen? Sind Teilnehmer/innen von Coaching-Maßnahmen für Bestandskunden vom Maßnahmeträger etwa bereits abgeschrieben? Das wäre doch, wie es so schön heißt, kontraproduktiv, oder nicht?

Einstand

Es ging um Small Talk.

Der Dozent in meiner neuen Coaching-Klasse fragte die Phasen des Vorstellungsgesprächs ab. Die Teilnehmer/innen wirkten an diesem meinem ersten Montag wie beschrieben ein wenig teilnahmsmüde. Es zog sich. Ein wenig hin. Unterbrechung mitten am Vormittag durch uns „Neue“, die gegen zehn Uhr dazu gekommen waren. Erst mal schauen. Wo waren wir hier gelandet?

Jeder, der neu in eine Gruppe kommt, fügt sich erst einmal ein. Auf seine Art. Man wird zunächst einfach nicht gekannt. Das ist normal. Das ist auch an neuen Arbeitsplätzen normal. Man wird zunächst von den anderen nicht gekannt. Den Kollegen und weiteren Chefs. Auch der Einstellungsentscheider kann noch nicht sicher sein, wen er sich da ins Boot geholt hat und ob du passt. Dafür gibt es schließlich eine Probezeit.
Sechs Monate. Die hatte ich in meinem neuen Coaching nicht. Jederzeit abbrechbar durch Jobaufnahme. Was das Ziel war, selbstverständlich.
Und wie das Ziel zu erreichen sein würde, sollte ich in diesem Coaching lernen. Denn irgendetwas musste ich ja wohl falsch gemacht haben bisher. Wie all die anderen auch. Meine Kolleginnen in den Coachings bei vergleichbaren anderen Maßnahmeträgern auch. Und was, das sollte ich bestenfalls von meinem neuen Gruppen-Coach im Gruppen-Coaching lernen. Na dann. Mal los.

Small Talk. Small Talk ist eine Phase im Vorstellungsgespräch.

Neben Vor- und Nachbereitung mit den Themen Information über die Stelle und Recherche zur Firma, Gedanken über mein Outfit und Pflege und Bereitstellung desselben, Planung und Organisation der Anfahrt sowie einer abschließenden Dokumentation des Gesprächs mit Selbstreflexion zur Verbesserung fürs nächste Mal – nach dem Motto „Nach dem Gespräch ist vor dem Gespräch!“ – besteht ein Vorstellungsgespräch in der Durchführung aus den Phasen Begrüßung, Small Talk, Kennenlernen, Selbstdarstellung, Fragen und Antworten sowie Gesprächsabschluss.

Es ist kein Wettbewerb der Wahrheiten. Sondern ein Verkaufsgespräch.

Nach der Vorstellung mit Handschlag und Namensnennung kommt die Eisbrecher-Frage, deren Antwort inhaltlich niemanden wirklich interessiert: „Haben Sie gut hergefunden?“ – „Ja, danke. Sie sind ja bekannt …“ kann man vielleicht gut selbstverkäuferisch darauf antworten. Lerne ich im Laufe der nächsten Tage und Wochen neu. Und dass man weder auf dem Firmenparkplatz parken noch mit dem Taxi vorfahren … sollte. Und immer rechtzeitig losfahren und bei höherer Gewalt wie Zugverspätung eine Viertelstunde vor Termin absagen. Wusste ich alles nicht, war aber auch bei meinen Bewerbungen bisher nicht vorgekommen.

Interessant zu wissen auf jeden Fall.

Welche Arten von Arbeitszeugnissen gibt es? Welche Rechtsgrundlagen gelten? Wann ist ein Zwischenzeugnis sinnvoll? Existiert eine geheime Zeugnissprache?

Und wenn nicht, was sagen die Formulierungen aus? ;-)

Worauf achten Personaler/innen bei der gepflegten Erscheinung des Kandidaten zuerst? Der Kandidatin? Gibt es einen Dress Code für Männer und Frauen? Edel und dezent. Der Dozent machte es vor. Trug edle und dezent farblich passende Anzüge. Manchmal. Begrüßte und verabschiedete jede/n Teilnehmer/in zu jedem Termin mit Handschlag. Manche Chefs machen das so. Er war wohl mal lange Zeit Chef gewesen und wusste das noch. Gute Übung für uns. Vielleicht auch für ihn. Wer weiß.

Was sollte man antworten, wenn einem ein Getränk angeboten wird? Und muss man wirklich alle Produkte der Firma kennen und warum?

Welche Arten von Fragen sind üblich? Was sind verbotene Fragen und warum falle ich immer wieder in unerwartete Zwickmühlen? Ist das etwa gewollt? Sollte ich dann vielleicht einfach nur Ruhe bewahren? Hm?

Gibt es eine gute Antwort auf die Frage „Was möchten Sie verdienen?“ und warum ist das so schwierig?

Unser Coach konnte als Chef im gespielten Vorstellungsgespräch sehr überzeugend sein. Wir Kandidaten natürlich meistens nicht so. Es war im Unterricht oft erheiternd, sich seinen Ungeübtheiten und Schwächen zu stellen. Das gilt natürlich nur für die anderen Teilnehmer/innen. Anwesende ausgeschlossen. ;-))) Außerdem wollten wir ja eigentlich mehr unsere Stärken hervorheben.
Die zugewiesene Maßnahme-Teilnehmer/innen auch irgendwo haben. Oder?!?

Pünktlichkeit ist oberstes Gebot. Anwesenheit auch. Alles wird genau dokumentiert. Über jeden Teilnehmer werden regelmäßig Beurteilungen an die Agentur für Arbeit geschickt. Der Maßnahmeträger wird von ihr bezahlt, die Inhalte der Maßnahmen werden von ihr vorgegeben, das gesamte Konzept ist mit ihr abgestimmt.

Die Teilnehmer/innen erhalten entweder Arbeitslosengeld Eins oder Zwei oder sind Privatiers, leben von ihren eigenen Rücklagen, weil sie keinen Anspruch mehr auf ALG Eins und noch keinen Anspruch auf ALG Zwei haben. Es nicht beantragt haben. Nicht bedürftig sind im Sinne des Sozialgesetzbuches SGB II. Aber trotzdem Renten-Anrechnungszeiten erwirken wollen. Also bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet sein wollen.

Small Talk war das Thema. Begrüßung mit Handschlag und Namensnennung hatten sie bereits hinter sich. Anschließend käme die Kennenlern-Phase. „Erzählen Sie mal ein bisschen was über sich.“ Kein Wettbewerb der Wahrheiten.

Bloß unverfänglicher Small Talk zunächst. Was gibt es da für Themen? Auf jeden Fall Dinge, die jeder kennt und an denen sich die Meinungen nicht scheiden. Irgendetwas, das man im Raum sieht. Oder Urlaub. Wo man gewesen ist. Oder Kinder. Jeder kann irgendetwas von Kindern erzählen. Kinder sind immer ein gutes Small-Talk-Thema.

Als Neuer bezieht man die Themen des Gruppen-Coachings zunächst automatisch auf sich selbst. Das kann sich später geben, wenn man merkt, dass alle Themen, wenn auch unterschiedlich aufbereitet, sich im Grunde wiederholen. Rotieren. Erfahrung erzeugt Abstand.

Small Talk. Kinder. Urlaub. Reisen. Irgendetwas Unverfängliches. Ich platze los. Es ist zu komisch. Ich habe das alles nicht. Kinder. Urlaub das letzte Mal vielleicht vor zehn Jahren, an der Nordsee. Keine besondere Lieblingssportart. Führerschein direkt mit Neunzehn schon wieder in die Schublade gelegt und dort gelassen für Jahrzehnte. Beim Umzug mitgenommen, aber nicht wieder vorgeholt. Wie sollte ich da mitreden können beim Small Talk?

Bei so etwas Einfachem wie Small Talk kann ich bereits nicht mithalten. Was soll also werden aus mir? Ich finde das urkomisch und der Dozent kommt aus dem Staunen nicht heraus. Ich platze los und sage: „Ich habe das alles nicht, ich bin die ohne alles“. Glücklicherweise ist er schlagfertig und auch nicht unwitzig. Er fügt sich schließlich ins Schicksal, denn ich passe tatsächlich nicht ins Konzept. Die anderen lachen noch tagelang und erzählen meine Mankos auch zu Hause herum. Berichten sie mir später.

Ich bin die ohne alles. Jeder, der neu in eine Gruppe kommt, fügt sich erst einmal ein. Auf seine Art. Es ist gut, gleich mittendrin zu sein. Mit meinem Humor bin ich gleich angekommen. Man muss sich zeigen, wie man ist. Die ohne alles. Ist halt so. Und Lachen ist gesund. Macht müde Menschen munter.

Natürlich kann ich auch Small talken. Das Thema Wetter geht immer. U-Bahn-Verkehr in der Großstadt. Das Leben in anderen Bundesländern. Sauerland und Franken. Oder irgendwelches Weiterbildungswissen weitergeben.

Nur halt nicht so “normal“. ;-)

SAP ist angesagt

Innerhalb von drei Tagen hatte ich den Job. Über eine Zeitarbeitsfirma, die mir bis dahin unbekannt gewesen war. Die sonst eher Arbeitnehmer im technischen Bereich vermittelte.

Eine kaufmännische Fachkraft wurde gebraucht.

Ich nahm das Job-Angebot mit Kuss-Hand an. Im übertragenen Sinne natürlich nur.

Es hatte geheißen, es sei sehr dringlich. Am Dienstag nach Pfingsten sollte es losgehen. Es war der Mittwoch davor.

Auf dem Weg zur Zeitarbeitsfirma, im Feierabendverkehr in der U-Bahn, hatte ich unterwegs ein Erlebnis der schockierenden Art. Ein Mann rutschte beim Einsteigen aus und geriet in den Zwischenraum von Bahnsteig und U-Bahn. Er hing fest und kam alleine nicht mehr hoch und auf die Beine. In solchen Momenten kannst du nur noch schockiert irgendetwas rufen und hoffen, dass die U-Bahn jetzt nicht losfährt. Wäre ein Schock fürs Leben. Es laufen Bilder blitzschnell im Kopf-Kino ab. Du bist selbst wie gelähmt und stellst dir vor, wenn die U-Bahn jetzt losfährt, wird der Mann in der Mitte geteilt. Katastrophe. Ein zierliches Mädel hielt von draußen den Oberkörper des Mannes mit seinen dünnen Ärmchen umfasst. Hätte im Falle nichts ausrichten können. War aber sicher psychologisch sehr wichtig und wertvoll.

Gottseidank kam der Fahrer der U-Bahn, half und richtete alles. Fuhr nicht zu früh ab. Der Mann wankte zu einem Platz mir gegenüber. Er trug eine kurze Hose und Sommerschlappen. Hatte sich die Beine aufgeschürft. Bis oben hin. Irgendjemand sprach in gebrochenem Deutsch mit ihm. Er solle zum Arzt gehen. Vermutlich wollte er das nicht.

Wir mussten beide an der nächsten Station aussteigen. Wir bewegten uns beide sehr langsam. Ich hinter ihm. Die hineindrängenden Fahrgäste benahmen sich nicht der Situation angemessen. Schließlich kannten sie die Situation nicht. Wir standen unter Schock. Was dem Rest der Welt egal war. Alles ging weiter, als wäre nichts geschehen. Ich auch. Ging zur Zeitarbeitsfirma. Etwas schwitzend und kalkweiß im Gesicht. Erzählte natürlich gleich alles. Man bot mir ein Glas Wasser an. Und den Job.

„Können Sie SAP? Nein? Na, das ist kein Hexenwerk … macht nichts. Man kann alles lernen. – Wir melden uns bei Ihnen.“

Donnerstag nichts.

Erst am Freitag im Lauf des Tages, ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, hieß es: „Kommen Sie am Dienstag um 7.30 Uhr zu uns, wir fahren dann gemeinsam zu Ihrem neuen Arbeitsplatz.“ Okay. Gerne. Mach ich.

Mein erster Eindruck war beim Warten an der Tür zum neuen Job der Papierkorb gewesen.

Wir befanden uns in Deutschland.

Es stand ein Papierkorb in der Ecke. Das ist erst einmal nichts Besonderes. Aber … über dem Papierkorb klebte ein Schild an der Wand. Auf diesem Schild stand … richtig: das Wort „Papierkorb“.

Ich interessiere mich immer sehr für die deutsche Sprache und finde es auch gut, wenn Dinge ausgeschildert sind. Aber einen Papierkorb zu beschriften? Das hatte ich noch nie gesehen. Fand das sehr lustig.

Es sollte noch viel lustiger werden. In unserem Großraum-Büro war alles, aber auch wirklich alles beschriftet. Ich ging abends nach Hause und überlegte, ob ich dieses System bei mir einführen sollte. Auf das Bücherregal ein Schild „Bücherregal“ kleben. Fragte mich dann nur, wie das Beschriften von den einzelnen Büchern weitergehen sollte. Buch eins, Buch zwei, oder wie? Am Arbeitsplatz klebten Schilder auf dem Tisch hinter den drei bis fünf Ordner-Deckeln: „Ordner 1“, „Ordner 2“ … – Ich fand es sehr lustig. Ungewohnt. Inzwischen fällt es mir überhaupt nicht mehr auf. Nach drei Monaten ist es völlig normal geworden. Ich habe das 5-S-System in Fleisch und Blut, ok, das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber verstanden habe ich es. Vermutlich.

Ich möchte Euch nicht langweilen, aber in der Tat hatte ich von „5S“ bereits in „meiner“ ehemaligen Weiterbildungsdatenbank gelesen.

Wenn damals in Kurs-Inhalten etwas vorgekommen war, das ich nicht kannte, habe ich es früher immer gegooglet. Bin dadurch unfreiwillig immer schlauer geworden. Unbemerkt.

Die 5-S-Methode kommt aus Japan. Sie ist ein Ordnungs- und Selbstdisziplinierungssystem. Kam mir sehr entgegen. Bei mir zu Hause hat jede Unordnung ihren Platz. Am Arbeitsplatz finde ich es sehr angenehm, wenn zum Beispiel an einer bestimmten Stelle das Schild „Getränk“ klebt. Dann weiß ich, es hat sich bereits jemand Gedanken darüber gemacht, wo mein Kaffee oder Wasser gefahrlos stehen kann, ohne dass die Tastatur oder irgendwelche Papiere gefährdet sind. Perfekt.

Jeden Morgen weiß ich also nun, welche Anwendungen und Dokumente ich zu öffnen habe. Das ist gut. Fühlt sich gut an, wie meine Arbeit früher. Das Arbeiten im Content-Management-System. SAP ist gar nicht so viel anders. Es gibt mehr Funktionen, die ich noch längst nicht alle kenne, aber in meinem Bereich habe ich bereits einiges dazu gelernt. Viele Suchfunktionen, Notizen, Dokumente, Belege, Zahlen. Macht Spaß. Arbeiten macht Spaß.

Schnell viel schaffen macht Spaß.
Das, was mir beigebracht wurde, umzusetzen, macht Spaß. Auch wenn ich mir längst nicht alles beim ersten Erklären merken kann. Ganz und gar nicht. Am Anfang schreibe ich noch viel mit und auf. Längst passé. Schreibe so gut wie gar nichts mehr auf inzwischen. Nur noch ganz wichtige neue Informationen.

Learning by doing ist angesagt.