Nichts Neues zurzeit

Sommerpause! :=)

Lieblingstexte, die Ihr gleich hier anklicken könnt, sind zum Beispiel …

Web-Teppich 2.0

Der kleine Schneebesen

Brummi und Torsten

Natürlich die Schabernack-Trilogie ;=)

Schabernack

Schabernack verduftet

Schabernack dreht durch

Im Inhaltsverzeichnis findet Ihr weitere schöne Sachen, wie die Geschichten aus meiner Katzen-Wohngemeinschaft …

Viel Spaß beim Lesen!

Dita

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Ringelnatz Abenteuer

Ringelnatz kennt jeder, oder? Der den Seemann Kuddel Daddeldu erfunden hat? In meinem Lieblingsreim gerät Kuddel auf Weihnachts-Landurlaub in eine Kneipenschlägerei. Genauer gesagt: „Daddeldu wankte mit einer blutigen Nase (Nicht mit seiner eigenen) hinaus auf die Straße.“

Für dieses Bild hatte es sich gelohnt, lesen gelernt zu haben.

Dass ich lesen lernen würde, stand eines Samstags infrage. In der ersten Klasse hatten wir ein sehr strenges, über sechzigjähriges Fräulein zur Lehrerin. Nachdem sich ein Junge vor Angst unter den Tisch verkrochen hatte, dort hervorgezogen an die Tafel gestellt worden war, vor lauter Zittern die Ziffern einer zweistelligen Zahl nicht in der richtigen Reihenfolge anschreiben konnte und danach zur Sonderschule vermittelt wurde … Eines Samstags weigerte ich mich, zur Schule zu gehen. Ich hatte die Nase voll. Obwohl ich sehr gerne lesen und schreiben und rechnen lernte. Eigentlich. Doch die Entscheidung stand: Nie wieder.

Was mich am Ende doch bewog, mich nach Stunden umstimmen zu lassen, waren zwei Dinge. Einerseits die Aussage dieser strengen Lehrerin, ich sei ein „gutes Schulkind“, könne also dem Unterricht gut folgen. Sie hatte sonst niemals Lob übrig gehabt und diese Aussage jetzt gegenüber meinen Eltern entschädigte für vieles. Andererseits erklärte mir meine Mutter eindringlich die Folgen. Ein Wochenende lang. Ganz pragmatisch. Du wirst niemals wissen, was auf der Zahnpasta-Tube steht. Alle Dinge, die beschriftet sind, werden dir unbekannt bleiben. Du kannst keine Straßenschilder lesen. Du wirst auch nicht einkaufen können, denn du kannst das Wechselgeld nicht zählen. Andere können dir alles erzählen, wenn du das nicht selber kannst. Das waren Argumente. Ok, ich würde zukünftig dann eben weiterhin die Schule aushalten. Mit allem, was dazugehörte.

Den Ausdruck „gering literalisiert“ für Analphabeten gab es damals noch nicht. „Analphabeten“ kannte ich auch noch keine. Schwierige Wörter kamen erst später dazu. Inzwischen bin ich wohl komplett literalisiert, zumindest im Deutschen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Denn hier geht es um Ringelnatz. Abenteuer.

Ringelnatz schlängelte sich so am Wegsaum dahin, auf dem leicht steinig sandigen Waldweg, der an seinen Rändern bewachsen war von verschiedenen Gräsern und blühenden Pflanzen, an denen Zitronenfalter und andere bunte Schmetterlinge herumturnten.

Er war noch ein wenig unerfahren, sonst hätte er sich besser versteckt. Oder wäre vielleicht gleich in der Nähe des kleinen Sees geblieben. Andererseits waren heute am Sonntag die Wegelagerer und Picknicker auf Matten, Tischen und Bänken dort, um eine kleine Ahnung vom Paradies zu erhaschen. Musste man ihnen gönnen. Er hatte auch keine Lust, von ihnen plattgetreten zu werden. Außerdem waren selbst die leisesten Menschen immer irgendwie laut. Unüberhörbar.

Er schlängelte sich völlig harmlos am Wegsaum neben dem kleinen Bachlauf dahin und wurde plötzlich geschnappt und hochgehoben.

Zwei große Männer auf Fahrrädern hatten ihn entdeckt. Gott sei Dank waren sie wohlmeinend. Sie ließen die Räder fallen, hockten sich um Ringelnatz hin, schauten, trauten ihren Augen und Händen, hoben ihn blitzschnell hoch und trugen ihn in die Mitte des Weges. Wo er eigentlich überhaupt nicht hinwollte. Erst sah es so aus, als wollten sie ihm bloß über die Straße helfen. Aber nein, sie setzten ihn mittig ab, hielten ihn jedoch gut fest, so dass er sich mit seiner Lage vorerst abfinden musste. Der eine hielt ihn fest, der andere machte ein Handyfoto.

Eine Zeugin war inzwischen hinzugekommen und schaute ihnen zu. Sie bewunderte vor allem Ringelnatz. Dass er sich alles so gefallen ließ. Und dass er so hübsch aussah. Nein, er war kein besonders groß geratener Regenwurm, er war eine Ringelnatter. Erkennbar an dem gelben Streifen unterhalb des Kopfes. Allerdings noch eine recht junge Ringelnatter. Er versuchte, ein bisschen zu fauchen, und auch den leicht faulig bedrohlichen Geruch seines Abwehrsekrets mochten Feinde in der Regel nicht.

Diese Menschen waren zu groß. Ihnen machte es überhaupt nichts aus. Und Ringelnatz war, wie gesagt, noch recht jung und im Zuge dessen auch noch recht klein und dünn. Mehr wie ein besonders fetter Regenwurm geraten. Er musste unbedingt noch wachsen und dafür sorgen, dass ihn niemand mehr fand.

Die naturbegeisterten Männer legten ihn vorsichtig wieder am Wegsaum ab und ließen ihn ziehen. Nachdem sie ihn in der Mitte des Weges einmal kurz freigelassen und ihm beim Schlängeln zugesehen hatten. Das musste ja etwas ganz besonders Tolles sein. Ringelnatz wunderte sich und gab trotzdem sein Bestes. Sie sollten ihn ja nicht umsonst so tätlich herumkommandiert haben. Er machte die schönsten S-Bewegungen, die er konnte, als er sich quer über den Waldweg in Richtung Bachlauf schob.

Solche schön geschwungenen S-Schlängel-Schleich-Bewegungen muss man einfach aufschreiben. Natur-Abenteuer.

Nicht wahr, Ringelnatz?!

Preisgekrönt … Leipziger Buchmesse 2019

Rezension über:

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen
Roman, Hardcover, 272 Seiten
Berlin: Verbrecher Verlag; 2018

Presse hat das Buch viel erhalten, also gibt es nur noch wenig zu sagen, oder? Wenn ein Roman den Preis der Leipziger Buchmesse 2019 erhält, dann ist er gut. Oder?

Das Buch sei vergriffen und der Verlag müsse nachdrucken, hieß es an einem Point of Sale in meiner Stadt. In der Stadtbibliothek war es verliehen und auf Wochen hinaus vorbestellt, so dass man darüber nachdachte, ein zweites Exemplar anzuschaffen. Aufgrund der hohen Nachfrage.

Das ist ein Effekt des Ruhmes, dass die Nachfrage gesteigert wird.

In der Nachbarstadt gab es noch Exemplare, also kam ich doch noch zeitnah in den Kauf- und Lesegenuss.

Manche Buchanfänge ziehen einen gleich in den Bann. Dieser als Vorwort gestaltete Einstieg nicht. Abschreckend ist er aber ebenfalls nicht, daher lese ich weiter. Da ich nicht „Bea“ bin, die angesprochene Tochter der Erzählerin, kann ich mich mit Distanz auf den Konflikt um fehlende und zugleich ersehnte Eindeutigkeit einlassen. Auf das, was Familie bedeutet. Vielleicht hat der Text mir doch etwas zu sagen, wer weiß?

Die kurzen Titel der Kapitel dann, anfangs Redewendungen, später einzelne Themenwörter, sind ansprechend und einprägsam. „Weiß man doch“, „Selber schuld“, „Weiß man nicht“, „Wie man`s macht“ … Ja, „Spätzünderin“ bin ich auch, daher hat die Erzählerin mich gleich am Wickel, als sie sich eingangs als solche bezeichnet. „Ich dachte immer, ich sei klug, würde die Welt kennen und die Menschen verstehen.“ Wer würde da nicht neugierig darauf, wie es weitergeht? Welche Selbsterkenntnis kommt dabei heraus?

Sie hätte die Wahl gehabt, alles hätte auch ganz anders kommen können.

Verstehe.

Am Ende bin ich sehr froh, dass es nicht anders gekommen ist. Dass sie mit Sven zusammenlebt und nicht Ulf geheiratet hat, obwohl der auch ganz ok ist, aber weder Künstler noch Spätzünder und längst in der Gesellschaft angekommen, normal eben.

Dass sie den Preis für ihr Buch erhält, tröstet mich sehr. Das hat sie wirklich verdient. Im Roman hat die Erzählerin doch einiges auszuhalten gehabt bis dahin. Und ich als Leserin natürlich mit.

Den Alltag als Schriftstellerin mit vier Kindern kenne ich jetzt und kann mitfühlen. Die Entwicklung der Entfremdungsgeschichte von den alten Freunden, die ihr ein Fehlverhalten vorwerfen und sich von ihr und ihrer Familie zurückziehen, ist gut erzählt. Häppchenweise und nicht unspannend. Klar, wer sich als Nestbeschmutzer aufführt, wird aus dem Nest geworfen. Nachvollziehbar ist das Verhalten der anderen. Trotzdem bin ich natürlich auf ihrer Seite, denn das Problem ist die fehlende Kommunikation. Das Kündigungsschreiben für die Wohnung erhält sie kommentarlos. Eine harte Strafe ist das, finde ich als Leserin natürlich auch. Dafür, dass sie bloß ihrer Arbeit als Schriftstellerin nachgegangen ist und die Dinge beim Namen genannt hat, ist das eine sehr harte Strafe.

Eigentlich wirft sie nicht sich selbst das Spätzündertum vor, sondern den anderen die Anpassung an das etablierte Leben mit ihren Schäfchen im Trockenen. Oder?

Durch den Schreibstil, das Tempo, das die langen Sätze, mit vielen Kommas gespickt, vorgeben, folge ich ihr schnell. Die kurzen Rückblenden auf prägende Erlebnisse der Mutter, bzw. auf das, was von ihnen bei der Erzählerin angekommen ist und sie wie die Mutter geprägt haben, sind geschickt platziert und unterbrechen ihre Erzählung gekonnt. Auch ihnen fehlt mitunter die ersehnte Eindeutigkeit. Trotzdem sind sie vollständig und lassen keine Fragen offen. Eher frage ich mich, ob alle notwendig gewesen wären für das Verständnis der Geschichte der Tochter. Oder bin ich bloß zu ungeduldig?

Auch Bea, die Tochter, wird indirekt durch ihr Verhalten beschrieben. Wie auch die anderen Kinder, Mädchen und Jungen verschiedener Alters- und Bildungsstufen, und Sven, der coole Partner und Familienvater in seiner unerschütterlichen Art. Der ruhende Gegenpol zur fehlenden Eindeutigkeit.

Das Buch hätte auch ganz anders enden können. Es hätte andere Erzählstränge weiterverfolgen können, die angelegt sind. Die Geschichte hätte auch ganz anders ausgehen können.

An kommunikativer Kompetenz fehlt es der Autorin nicht. Sie nennt die Dinge beim Namen. Alle.

Die Erzählerin nennt für ihre Adressatin, Tochter Bea, alle Dinge, Entwicklungen und Hintergründe beim Namen. Sie will es auf jeden Fall besser machen, als ihre Mutter es jemals gekonnt hätte, die anscheinend nicht so viele Ausdrucksmöglichkeiten in Form von Worten hatte. Sie macht es besser. Trotzdem muss ja wohl auch ihre Mutter einiges richtig gemacht haben, aber das steht auf einem anderen Blatt. Sie steht für ihre Generation. Auch bei ihr hätte einiges anders kommen können. Auch bei dieser Geschichte fehlt die Eindeutigkeit, die Festgelegtheit.

Das Buch ist kunstvoll gewebt. Es ist politisch. Die Sprache ist dem angepasst, was es zu sagen hat. Es ist gut. Was mir fehlt, ist nur eine Kleinigkeit. Der Whow-Effekt.

Diese eine Stelle im Text, an der ich auf die Seitenzahl schaue, um mir zu merken, wo diese besonderen Sätze stehen, weil ich sie noch einmal lesen möchte. Weil dieser Ausdruck, diese Formulierung so wahnsinnig gut ausgedrückt ist, diese Sätze so schön und kunstvoll sind. Der Genussmoment eben. Als sprachliebende Germanistin fehlt mir dieser eine Moment. Sonst nichts. Oder?

Wahrscheinlich ist es so gewollt.

Weil wir tapfer sind

Schlimmer geht immer. Ist das Motto einer Freundin von mir. So kann man sich immer selber trösten. Ist ziemlich schlau. Fördert den Humor, fördert den schwarzen Humor. Ist sehr gut.

Es gibt Strategien, um mit den Herausforderungen des Lebens fertig zu werden. Klarzukommen. Es gibt Menschen, die diese Strategien suchen, finden, anwenden, anderen mitteilen, leben.

Und es gibt Jammerlappen.

Natürlich gibt es manchmal Schmerzen, die einen heulen lassen. Seelische und körperliche. Oder soziale. Keine Frage. Kein Problem.

Was ich meine, ist der strategische Umgang mit den Herausforderungen des Lebens.

Dem einen flüstert das Leben ein: „Lerne leiden ohne zu klagen!“. – Dem anderen das Gegenteil. „Lerne klagen ohne zu leiden!“, sang schon vor Jahren halb ernst, ironisch, sarkastisch, zynisch der Liedermacher Hans Scheibner. Es gibt erfahrungsgemäß eine ganze Menge von Leuten, die klagen können und dies auch tun, ohne wirklich tiefgreifend zu leiden. Die zweckgerichtet klagen. Je lauter ich jammere, desto mehr Medizin wird mir der Arzt schon geben. Desto länger wird er mich krankschreiben. Desto überzeugender wirke ich. Es gibt Menschen, die sehr erfolgreich dabei sind, bei anderen gezielt gewollte Wirkungen hervorzurufen durch ihr Handeln.

Und es gibt die, die nach innen leiden. So jemand war ich.

Ich konnte an Omas Hand den Weg von der Grundschule nachhause gehen, ohne ein Wort zu sagen. Andere Kinder hätten lebhaft von der Schule erzählt. Ich blieb stumm. Ging still neben ihr her. Warum? Zuhause angekommen fragte Oma doch irgendwann nach. Ich hatte mir an der Treppe vor der Schule den Zeh gestoßen. Es tat höllisch weh. Ich war der festen Überzeugung, wenn etwas weh tat, musste man das aushalten, ohne dass jemand anderes davon erfahren sollte. Einfach nach innen wenden. Introvertiert. Der Schmerz wird nach innen gekrempelt. Ins Futter der Kleidung eingenäht wie bei Generationen vorher die Wertgegenstände auf der Flucht vor dem Krieg. Vielleicht war es mir auch bloß peinlich, dass ich so dumm gewesen war, mich zu stoßen? Selber schuld, sozusagen. Keine Ahnung. In Wirklichkeit hatte ich mich über etwas geärgert und war noch dabei, es selbst zu bewerten und zu verarbeiten. Irgendwelche Kinder waren blöd gewesen. Der Schmerz im Zeh war dazugekommen, überdeckte das und rechtfertigte mich gegenüber Oma. Die vielleicht ahnte, dass noch etwas anderes dahintersteckte.

Weil wir tapfer sind.

Dann war da noch der Grillnachmittag bei Verwandten. Barfuß im Garten. Meine Tante hatte das Hobby Nähen für sich entdeckt, wie später herauskam. Sie hatte vorher beim Aufräumen wohl nicht gründlich genug alle Stecknadeln wieder eingesammelt … Jedenfalls spürte ich plötzlich einen schmerzenden Pieks unter dem Fuß. Konnte nicht mehr auftreten. Ein Fremdkörper musste sich angehängt haben. Um Genaueres herauszufinden, sah ich mich gezwungen, zur nächsten Sitzgelegenheit zu humpeln, mich dort vorsichtig niederzulassen, den Fuß über den Oberschenkel zu schlagen, nachzuschauen … Dann zog ich vorsichtig die Stecknadel aus der Sohle. Überlegte gerade, wohin nun mit der Nadel, als sich mein Vater neben mich setzte. Das war das Merkwürdigste an der ganzen Sache. Er musste wohl alles beobachtet haben. Mein Vater setzte sich neben mich, schaute mich mit einem besonderen Gesichtsausdruck an und sagte mit einem bewundernden Ton in der Stimme nur die drei Worte zu seiner Tochter: „Du bist tapfer.“

Jetzt wusste ich das auch. Vorher dachte ich bloß, mir eine Stecknadel eingetreten und wieder herausgezogen zu haben. Nun war klar, jeder andere hätte vielleicht ein Geschrei angefangen und um Hilfe gebrüllt.

Man merkt immer erst an der Reaktion von anderen, wie das eigene Verhalten zu werten ist.

Weil wir tapfer sind.

Neulich ist in den Medien berichtet worden, eine Frau sei nach dem Tod ihres Haustieres mit gebrochenem Herzen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Ja, kann man verstehen. Ich möchte das nicht werten. Liebe zum Haustier ist auch Liebe, ich weiß das. Trotzdem ist mir ungleich Schlimmeres passiert. Habe mich keinen Tag krank gemeldet.

Weil wir tapfer sind.

Mein Vater und ich.

Je mehr man aushalten muss, umso tapferer wird man. Weil es gar nicht anders geht. Man kann natürlich auch sterben oder sterbenskrank werden oder nicht lebensbedrohlich erkranken. Aber wenn man leben möchte, ist tapfer sein besser. Es kommen nur so merkwürdige Gefühle auf gegenüber Menschen, die nicht so tapfer sind. Die wegen weniger großen Herausforderungen selbstmitleidig sind oder ihre Bedürftigkeit anderen zeigen. Die Trost und Hilfe bekommen. Sich pflegen lassen und umsorgt werden. Sogar in die Medien kommen damit. Aufmerksamkeit pur. Diese Aufmerksamkeit können wir Tapferen uns nur selber geben oder uns gegenseitig anerkennen, wenn wir es denn bemerken. Lob eines Tapferen „Du bist tapfer“ geht nicht besser. Danke, Papa. Hast ja so recht. Bin tapfer. Aber auch bedürftig. Teile meinen großen Schmerz und meine Trauer mit. Habe Texte geschrieben. Tröstet mich.

Weil wir tapfer sind.

Brauche den Austausch. Weil ich vielleicht doch nicht mehr so tapfer bin.

Herrmann und Frauke

Florian hatte unser Wellensittich geheißen. Ich kann nicht wirklich sagen, dass er auf den Namen Florian hörte, weil ich mich nicht mehr erinnere, ob unser Wellensittich wirklich auf uns gehört hat. Es ist zu lange her. Ich war auch noch zu klein. Aber dass unser Wellensittich Florian hieß und zu unserer Familie gehörte, war klar.

Was überhaupt nicht klar war, erlebte ich kurz darauf im Kindergarten. Wie konnte das denn sein, dass dort ein Junge in der Gruppe war, der Florian hieß. Ein Ding der Unmöglichkeit. Denn Florian war doch ganz eindeutig ein Vogelhaustiername. Fragezeichen.

Ok, ich fügte mich, da nichts anderes übrig blieb. Florian starb auch bald oder war sogar schon tot, also der Wellensittich ist an Einsamkeit gestorben, nachdem wir einen Feriengastvogel hatten wieder hergeben müssen, weil die Ferien vorbei waren. Das hat Florian nicht verkraftet.

Wir bekamen dann erst einmal eine Zeit lang keinen neuen Wellensittich mehr. Später kamen Fridolin und Ferdinand, aber das ist eine andere Geschichte.

Unser Nachbar, Herr R., wurde eines Tages auf der Straße gegrüßt von einem Nachbarsjungen: „Tag, Herrmann!“ – Das war wieder so ein Ding der Unmöglichkeit. Wie konnte er denn „Herr Mann“ zu ihm sagen, das war doch doppelt gemoppelt. Und wo blieb da sein richtiger Name?! Herr Mann sagte man einfach nicht.

Dass unser Nachbar, der Herr R., tatsächlich Herrmann mit Vornamen hieß und sich darüber hinaus auch noch von einem Halbwüchsigen so ansprechen ließ, waren Sachverhalte, die ich später durchaus zu durchschauen lernen sollte. War ein Prozess. Spracherwerb, Kommunikationskompetenz. Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen, heißt es nicht umsonst.

Ein kleines bisschen anders war es eines Tages beim Kartoffelfeuer auf der Grillhütte im Wald. „Das ist unsere Frauke!“, stellte die stolze Mutter mir ihr Kind vor, das vielleicht ein bisschen jünger war, aber Kind ist Kind und Kind passt zu Kind. Was man im Fall von Frauke und mir aber nicht so ohne Weiteres sagen konnte. Frauke. Wieder so eine alberne Vermischung der Bezeichnungen. Eine Frau ist erwachsen und unsere Frauke war ja wohl noch ein Kind, wenn auch eines, auf dessen bloße Existenz die Mutter so wahnsinnig stolz zu sein schien. Frauke hatte also keine Chance bei mir. Ihr Name stand uns recht sehr im Weg. Sie konnte überhaupt nichts dafür. Ich etwa? Es gab noch so viel Wald um die Hütte herum zu entdecken und viele andere Menschen waren gekommen, ich ließ Frauke Frauke sein und ging meiner Wege.

UnsichtBarOmeter

Beim Fotografen gab es eine kleine Sitzecke für Wartende. Ein Mini-Sofa vor dem Fenster, mit einer Schaufenster-Gardine in seinem Rücken, davor ein längliches Beistell-Tischchen und gegenüber zwei kleine, schmale Korbstühle. Als Trennwand und Sichtschutz zum Laden-Eingang hin ein Regal, in dem viele wunderschöne Fotoalben ausgestellt waren. Daneben ein Tablett-Tischchen mit einem Angebot an Wasser und Kaffee. An der Wand gegenüber vergrößerte Foto-Strecken von einem Baby in niedlichen Variationen und darunter von einem weißen Kaninchen in ebenso niedlichen Variationen.

Auf dem vorderen Korbstuhl hatte ich einen guten Beobachtungsposten. Wohin man auch blickte, sämtliche Hintergrund-Wände und der große Monitor hinter dem Kassenbereich stellten die perfekte Leistung dieser Fotografen deutlich ins Bild. So viel Schönheit, Harmonie und Kunst!

Der Kunde mit Termin kam nur wenige Minuten zu spät und damit für einen Montagmorgen noch recht pünktlich. Ein kleiner älterer Herr im blaugrauen Anzug, eher unscheinbar, nickend zum Fotografen, der ihn nach hinten durch den Vorhang mit ins Studio nahm. Danach wäre ich dran.

Als er wieder herauskam, ging er schnurstracks an mir vorbei und nahm, ohne mich eines Blickes zu würdigen, sogleich auf dem Sofa Platz und steckte seine Nase in ein Buch. Nun war ich an der Reihe, fotografiert zu werden, und verließ die Sitzgruppe.

Wieder zurück, ebenfalls in der Warteposition auf das Ergebnis der Bildbearbeitung, beachtete ich den inzwischen lesend Kaffee trinkenden kleinen älteren Herrn im blaugrauen Anzug, wie anscheinend von ihm gewünscht, auch nicht besonders.

Doch der war inzwischen in einer etwas weniger angespannten Haltung angelangt.

Er mischte sich sogar ungefragt in das Gespräch zwischen einer Fotografin und mir ein.

Immer wieder nämlich kamen Leute aus dem hinteren Ladenbereich auf der anderen Seite, gingen an der Fotografin vorbei, die den Kassenbereich bewachte, verabschiedeten sich und verließen den Laden. Irgendwann fand ich das zu komisch, ähnlich wie bei „Versteckte Kamera“ und fragte die Fotografin, wo die Leute herkamen und ob es vielleicht einen zweiten Eingang gebe. Sie ging humorvoll darauf ein.

Und der Herr Kunde klärte mich zusätzlich auf, nein, die Leute seien alle tatsächlich auch hereingekommen. Ich hätte es bloß nicht mitbekommen, als ich im Studio gewesen sei. Na, endlich war das Eis gebrochen. Man konnte sich sogar sehr gut mit diesem Herrn unterhalten, wir waren uns einig über die guten Fotos, die man hier machte, und dass wir schon oft und lange hier Kunden waren. Dann ging es um Verbrecherfotos für die Krankenkassen-Karte und er erzählte launig, wie er damals tatsächlich so ähnlich ausgesehen habe, in einem gelben T-Shirt und mit kurzen Haaren.

Ich versuchte nebenbei in einem Gedankenexperiment, mir den Herrn anders als mit seinen kurzen Haaren vorzustellen, doch so sehr viele Möglichkeiten sah ich nicht und fand lieber wieder schleunigst in das humorige Gespräch zurück.

Dann ging es ausführlich um die Fotostrecke mit dem weißen Kaninchen. Man konnte sich wirklich sehr angeregt mit diesem Herrn unterhalten. Ausgesprochen. Sogar die Fotografin stellte fest, dass die Bilder zwar immer Anlass zu Bemerkungen geben, aber noch niemals so angeregt, phantasievoll und kreativ wie bei uns beiden. Wir diskutierten, ob das Kaninchen echt sei oder bloß ein Stofftier. Entschieden uns dann aber für echt, was auch bestätigt wurde.

Der Herr war inzwischen so ins Erzählen gekommen, dass er sogar an der Kasse noch eine Geschichte aus seiner Kindheit zum Besten gab, da er mit Wellensittichen aufgewachsen sei. Wie man Wellensittiche zu halten habe und was seine beiden eines Tages gemacht hatten, als er als Kind krank im Bett zu Hause habe bleiben müssen. Ich beobachtete, hörte zu und kam aus dem Staunen nicht heraus. War das noch der selbe kleine ältere Herr im graublauen Anzug, der so unscheinbar und ohne mich zu bemerken in den Laden gekommen war?

Er drehte sich noch zwei Mal ausdrücklich zu mir um, grüßte lächelnd in die Sitzgruppe, verabschiedete sich und ging.

Das UnsichtBarOmeter hatte gewirkt.

Letzte Ruhestätte

Dies ist nicht meine Geschichte, aber sie ist mir wirklich passiert.

Auf der Zugfahrt von R* nach H* haben wir die Maus begraben.

Ich hatte reserviert, einen Sitzplatz im Nichtraucher. Der Fensterplatz daneben schon besetzt, als ich dort ankomme, ein rundes junges Gesicht, kurze blonde Haare, wohl ein Junge von 14 bis 16 Jahren.

„Hallo.“ – „Hallo.“ Wir kommen ins Gespräch, der ICE rollt …

Was wir auf der Insel gemacht haben, wo wir gewohnt haben, wo wir hinfahren, wo wir sonst zu Hause sind. Die meiste Zeit erzählt der Junge neben mir, selbst über sich erstaunt: „Sonst bin ich nicht so kontaktfreudig.“ Und dass er mich immer wieder zum Lachen bringt, scheint ihn ebenfalls zu verwundern: „Mit Fremden bin ich anscheinend ganz anders.“ Dauernd geht die Hand in eine große Tüte Fruchtgummis. Mein Nachbar ist ständig damit beschäftigt zu essen. Ich erfahre von einem Ferien-Aufenthalt auf der Insel zum Abspecken unter ärztlicher Aufsicht. In einer Klinik? Ich wusste bisher nichts davon, hatte ich doch zum ersten Mal hier Urlaub gemacht, in einer kleinen Pension gewohnt und war mit Radtouren und Naturerkundungen vollauf beschäftigt gewesen. Der Arzt habe empfohlen: „Wenn du schon ständig essen musst, dann aber wenigstens Fruchtgummis, denn die enthalten kein Fett.“ Also ist meine Schokolade eine kleine Sünde, die wir uns aber gerne teilen.

Ich finde ihn für einen Jungen seines Alters nicht besonders viel zu dick, vielleicht müsste er nur ein bisschen mehr Fußball spielen, anstatt vor der Glotze zu sitzen. Bis ich allerdings überrascht werde, als der vermeintliche Junge mir seinen Namen sagt: sie heißt Mareike und ist ein Mädel. Na ja, dann …

Sie lässt mich ihre Musik hören und ist begeistert, als ich sie mag.

Und dann erfahre ich von der Maus. Ein absoluter Vertrauensbeweis.

Ich kann es kaum glauben, dass jemand eine tote Maus in Zeitungspapier sorgfältig eingewickelt mit sich herumschleppt, noch dazu in einem der heißesten Sommer der letzten Jahre … im Zug, im Handgepäck. „Ihhh!!! Das stinkt doch!“ – Nein, sehen möchte ich sie nicht.

Natürlich glaube ich es, auch wenn die Geschichte unglaublich ist.

Später lasse ich sie mir doch zeigen, einfach der Anteilnahme wegen. Bin ich doch jetzt Mitwisserin und Verbündete.

„Ich habe schon mal eine Maus auf dem Bahnsteig von H* begraben, vor Jahren.“ Jetzt sollte anscheinend ein Ritual daraus werden, die zweite Maus quasi ins Familiengrab, irgendeinen Abfalleimer auf dem Bahnhof.

Das Abteil um uns herum bunt, fröhlich. Mütter, die sich um ihre Kinder kümmern, alle braun gebrannt, noch in Ferienkleidung und offenen Schuhen. Viel Bewegung zwischen den Gängen, man muss herumlaufen, Eis kaufen, Kaffee holen, zum Speisewagen, zur Toilette gehen. Selten allein, lieber in Paaren oder Gruppen. Schöne Strandtage hängen den Reisenden noch an, spiegeln sich in ihrem Benehmen. Die Rückfahrt verlängert noch ein wenig ihren Urlaub. Auch meinen. Ferienatmosphäre ist ansteckend.

Auf der Insel hatte die Maus noch gelebt, gestorben war sie wohl an einer Überdosis Fürsorge. Um sie abends am Strandlagerfeuer warm zu halten, hatte das Mädel sie unter ihren Pullover gesteckt, wohl ein wenig zu fest gehalten, vielleicht ist sie erdrückt worden oder am warmen Körper erstickt. Sehr zum Schrecken ihrer Besitzerin. Der Schock scheint nachzuwirken …

Mareike hat noch einen weiten Weg vor sich, sie zeigt mir ihre Zugverbindung. Zu Hause ist sie irgendwo in der Nähe von P*, einer katholischen Kleinstadt. Die Oma kümmert sich ein wenig, eine Mutter gibt es nicht mehr, der Vater hat meistens keine Zeit. Sie ist 16, im Wesen aber eher wie eine Zwölfjährige.

Und sie futtert, hört Musik, erzählt, und wundert sich über sich selbst.
Ich frage mich, was der Kur-Aufenthalt ihr wohl gebracht haben mag? Ein Gruppenerlebnis, Treffen von Gleichgesinnten, von Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten? Auf jeden Fall denkt sie über sich nach, wieso sie wohl mit Fremden offen reden kann, aber anscheinend zu Hause nicht? Ist zu Hause überhaupt jemand da, der Zeit hat zum Zuhören?
Klammert sie sich vielleicht deshalb auch so sehr an eine tote Maus? Wir werden sie loslassen müssen, aber wo und wie? Ich hätte sie am liebsten schnellstmöglich entsorgt, aber was tun, wenn ein Herz daran hängt … trotzdem frage ich sanft an, ob nicht eventuell auch ein Abfalleimer in diesem fahrenden Zug in Frage käme? Und vielleicht sogar sofort? – Doch nein …

Wir müssen beide in H* umsteigen, allerdings in verschiedene Züge. Dabei haben wir gemeinsam nur ein paar Minuten Zeit, zu wenig, um die Maus dort am Bahnsteig zu „begraben“.

Mareike wird immer aufgeregter, je näher das Umsteigen rückt. Muss sie vielleicht in ganz kurzer Zeit zum ganz anderen Ende des Bahnhofs laufen, um ihren Zug zu erwischen? – Beim Umsteigen werde ich ihr behilflich sein, wir werden ganz in Ruhe den Fahrplan studieren und feststellen, dass sie nur am gleichen Bahnsteig zu warten braucht, während ich meine Verbindung ebenfalls noch erreiche.

Bleibt noch die Sache mit der Maus.

„Sehr verehrte Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir H*, sie haben Anschluss…“ – Wir packen unsere Sachen zusammen, gehen frühzeitig in Richtung Ausstieg, der Zug rollt langsam in den Bahnhof ein, und in letzter Sekunde entschließen wir uns, das heißt, entschließt Mareike sich, der Maus in diesem Zug die letzte Ruhestätte zu geben.

Im Abfalleimer an der Zwischentür ruht sie nun und fährt weiter bis zur Endstation in die Ewigkeit.

Schabernack dreht durch

Diesmal war er zu hoch geflogen. Er merkte, dass seine Flügel langsam erlahmten und die Kiefernbäume außer Sichtweite gekommen waren.

Schabernack hielt Ausschau. Das Hochhaus stand ihm ein bisschen im Weg. Ok, er könnte ja dort auf einem Fenstersims eine kleine Pause einlegen, nur so lange, bis er wieder bei Kräften war.

Danach würde er so schnell wie möglich wieder zu seiner Familie zurück in das Kiefernwäldchen fliegen und mit allen gemeinsam das tun, was Nordamerikanische Kiefernwanzen eben den ganzen Tag lang so tun. Fressen, herumkrabbeln, sich verstecken, schlafen, sich sonnen, nach Harz duften …

Gesagt, getan. Das große Fenster hinter dem kleinen Balkon im dreizehnten Stock sah einladend aus. Schabernack setzte zur Landung an. Hier auf der Fensterbank war genug Platz und er konnte sich geschützt fühlen.

Jedenfalls bis auf der anderen Seite der Fensterscheibe das schwarzweiße Katzengesicht auftauchte und neugierig nach ihm sah.

Schabernack hatte sich gerade mit seinen sechs Füßen an der Fensterbank festgekrallt, und das war auch sein Glück, denn sonst wäre er vor Schreck herunter gekullert und auf den harten Balkon-Fußboden gerollt. Dazu hatte er keine Lust. Nicht heute jedenfalls. Eigentlich überhaupt nicht.

Das Katzengesicht auf der anderen Fensterscheibenseite schnatterte und schnalzte aufgeregt und schien noch jemanden auf seine Entdeckung aufmerksam machen zu wollen. Vielleicht einen Menschen.

Schabernack hielt die Luft an und verhielt sich ganz still.

Genau die richtige Taktik war das, wie sich herausstellte. Denn wenn nichts brummte und summte und krabbelte, würde der Kater irgendwann das Interesse verlieren. Der Kater verlor sogar recht bald das Interesse. Was gut war, denn Schabernack hatte keine Lust, zur Beute oder auch nur zum Spielzeug zu werden. Nicht heute, jedenfalls. Eigentlich überhaupt nicht.

Sicherheitshalber schob er sich geduldig zeitlupenlangsam am seitlichen Fensterrahmen fast unmerklich höher und höher, um im Falle eines überraschenden Katzensprunges doch lieber außer Reichweite zu sein. Einen guten Blick in die Wohnung hatte man von hier oben.

Er fühlte sich gleich zu Hause, als er im Zimmer an der Wand die Kiefernholzregalbretter sah.

Das wäre ja noch besser. Dort wollte er hin. Dafür müsste er zwar in die Höhle des Löwen, aber wäre doch höhentechnisch außer Reichweite des Katers. Seinen Berechnungen nach Wanzen-Augenmaß zufolge.

Er freute sich auf den Kieferngeruch, diesen typisch harzigen. Nach Waldnadeln und Mittagszapfen. Ein bisschen wie zu Hause.

Er brauchte nur den Moment abzupassen, als die Balkontür geöffnet wurde. Husch, war Schabernack im Inneren der Wohnung. Er versuchte, so leise wie möglich und so weit oben wie möglich bis zum Regalbrett zu fliegen. Doch was war das?

Seine Fühler tasteten extra noch einmal genau nach, was er mit seinen Augen und Füßen bereits erkannt haben wollte. Er war auf einem Regalbrett gelandet, das … jedenfalls nicht aus Kiefernholz war.

Genauer gesagt stand er auf einer Plastikbeschichtung.

Eine Spanplatte, die mit einer Klebefolie dekoriert war, die die helle Färbung und Maserung von Kiefernholz bloß vortäuschte.

Schabernack bewegte seine Fühler auf und ab und dachte nach. Seine braunen Kugelaugen, die immer ein bisschen keck aussahen, blickten in diesem Moment vor allem ratlos drein. Und nur noch ein ganz kleines bisschen keck.

Mit dem Duft nach Harz war es hier Essig. Nichts von wegen so ähnlich schön wie zu Hause. Hm. Nichts Kiefer.

Was ihn aber am meisten verwunderte, war: Wie kam jemand bloß auf die Idee, auf ein schönes echtes Kiefernholz zu verzichten? Was zum Himmel sollte das, seine Möbel mit echter Plastikfolie zu bekleben? Die nur so aussah, als ob es Holz wäre?

Die Fragezeichen wollten aus seinen kecken braunen runden Kugelaugen nicht verschwinden. Er verstand die Welt nicht mehr. Doch dann sah er an der Wand gegenüber ein paar Streifen Tapete, die anscheinend auch nicht aus Tapete waren, sondern aus der gleichen Kiefernholzimitatplastikklebefolie. Da hatte jemand versucht, es sich gemütlich zu machen. Ein Mensch, der sich eine teure Holzverkleidung der Wände nicht leisten konnte. Er wollte in einer schönen Umgebung von Kiefernholz wohnen, musste aber vorlieb nehmen mit Klebetapete. Wenigstens die Optik sollte stimmen. Schabernack überlegte. Vielleicht war es für den Menschen wichtiger, das Geld für Katzenfutter auszugeben, anstatt in Möbel und Dekoration zu investieren. Rührend war das. Ihm wurde ein bisschen anders zumute.

Wie hatte er es doch gut. Er brauchte bloß flugs wieder zurück zu fliegen, zu den anderen, hatte Baumrinde, harzigen Duft und Kiefernzapfen genug zur Auswahl und konnte dort nach Herzenslust … durchdrehen.

Schabernack verduftet

Auf der Terrasse schien die Sonne. Schabernack gähnte und streckte die Glieder. Seine Beine waren vom langen Stillsitzen ganz klamm geworden. Immerhin hatte er sechs davon. Zwei lange hintere und vier kürzere, zwei in der Mitte und zwei vorne am Körper. Auf die Gelenke musste er besonders achtgeben. Da waren seine Beine besonders empfindlich. Deshalb hatte er sich dieses ausgiebige Sonnenbad gegönnt, nur jetzt wurde es langsam Zeit, sich mal wieder zu bewegen.

Er konzentrierte sich zunächst auf die hinteren Beine und hob sie nacheinander einzeln etwas an und streckte die Füße dabei ganz nach hinten, so weit es ging. Er machte sich so lang er konnte. Reckte und streckte sich. Er gähnte ausgiebig. Dann faltete er sich etwas zusammen und rollte hin und her. Zuletzt kamen die Fühler an die Reihe. Mit ihnen spielte er ein wenig vor seinen Augen herum und sah dem hüpfenden dünnen Schatten, den sie dabei warfen, hinterher.

Das machte ihm richtig Spaß. Er stellte sich vor, das sei Beute, die vor ihm herumspielte und er bekam Hunger. Wenn man es genau nahm, hatte er viel zu lange schon gar nichts mehr gegessen. Eigentlich war es nicht nur Zeit für etwas Bewegung, sondern ganz bestimmt auch für eine Kleinigkeit zwischen die Zähne. Wenn man bei einer Nordamerikanischen Kiefernwanze, wie Schabernack es war, überhaupt von Zähnen sprechen konnte, denn er war eigentlich ein Insekt. Insekten haben eher Saugwerkzeuge. Oder Fangwerkzeuge an der Mundöffnung. Wie auch immer sein Mund hieß, etwas zu essen musste her.

Wo waren eigentlich alle anderen, die vielen Mitglieder seiner großen Familie? Vielleicht hatten sie ihm etwas übrig gelassen und er brauchte sich nur schmarotzend zu bedienen. Das wäre doch schön. Aber man konnte nie damit rechnen, da es einfach zu viele waren, und jeder hatte mal Hunger.

Nachdem er sich mit den vorderen Beinen über die Flügel gestrichen hatte, die braungemustert, mit weißen Flecken wie Perlen aufgereiht, in der Sonne glänzten, nahm er Anlauf. Das heißt, er duckte sich und sprang ein wenig hoch in die Luft, den Rest übernahmen dann die beiden Flügel. Er summte los.

Dass er auf zwei schöne Kiefern losflog, wobei ihm schon das Wasser im Mund zusammenlief, wenn man bei ihm überhaupt von Wasser im Mund sprechen konnte, denn es ist nicht sicher, ob Insekten wie Schabernack überhaupt Speicheldrüsen besitzen, da sie Sauger sind, die eigentlich normalerweise Kiefernzapfen aussaugen.

Also, dass Schabernack auf zwei schöne einladende Kiefernbäume zuflog, während er freudig summte wie eine Hummel, obwohl er nicht wusste, wie eine Hummel summt, weil er noch nie eine Hummel kennengelernt hatte.

Also, dass Schabernack auf zwei schöne grüne Kiefernbäume mit einladenden Zapfen zuflog, während er sich schon auf sein wohlverdientes Bauchgefühl freute, wobei nicht sicher ist, ob Insekten ein Bauchgefühlt haben, jedenfalls hatte er Appetit darauf, wieder mal satt zu sein.

Also, dass Schabernack auf zwei schöne Kiefern zuflog, war eine optische Täuschung.

Das merkte er aber erst, als es schon rums und plumps gemacht hatte.

Rums, als er gegen die spiegelnde Scheibe der Terrassentür geflogen war, und plumps, als er vor Schreck abgestürzt und wieder am Boden gelandet war.

Glücklicherweise lag vor der Terrassentür eine Fußmatte. Für Schabernacks Fall spielte die Fußmatte eine ähnliche Rolle, wie in der Turnhalle für die Menschen die Gymnastikmatte oder die ganz dicke Hochsprungmatte. Matten federn Stürze ab.

Sie hatte seinen Sturz abgefedert. Er war heile geblieben. Nichts tat ihm weh. Trotzdem saß Schabernack der Schreck in den Knochen. Wenn man bei ihm überhaupt von Knochen sprechen konnte, denn er war ein Insekt und kein Wirbeltier. Der Schreck saß jedenfalls in Schabernack und bevor er erneut in die Luft gehen wollte, würde er lieber abwarten, bis der Schreck weg wäre.

Doch das war schon wieder eine Illusion.

Die Terrassentür wurde von innen geöffnet und Menschen kamen heraus.

Schabernack wusste, seinesgleichen waren nicht sonderlich beliebt, ihre Entdeckung konnte zu Mark und Bein erschütternden Schreien quiekender Mädchen führen. Dem wollte er entgehen. Aus Erfahrung wird auch ein Schabernack klug.

Er setzte sich also schnurstracks wieder in Bewegung, hüpfte hoch, summte los und brauste schleunigst in die andere Richtung, auf die beiden echten Kiefernbäume im Garten zu. Zack, weg war er. Hastenichtgesehen.

Er hinterließ eine Spur von duftendem Harz.

Denn wenn ein Schabernack in Stress gerät, duftet er harzig aus seinen Insekten-Duftdrüsen.

Schabernack war gerade noch rechtzeitig, bevor sich die Menschen lauthals erschrecken und gegen ihn protestieren konnten, … verduftet.

Schabernack

Schabernack war traurig. Er saß auf dem Balkon und ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen. Wenn in seinem Fall überhaupt von Pelz die Rede sein konnte. Er hatte eher so braungemusterte Flügelhaut auf dem Rücken, mit einer Reihe weißer Punkte rechts und links, und dazu zwei sehr lange und vier kürzere Beine. Mit seinen braunen Kugelaugen guckte er unter den zwei Fühlern, die vom Kopf abstanden und nach vorne zeigten, traurig vor sich hin.

Traurig und ein bisschen keck, denn Schabernacks Kugelaugen sahen immer ein bisschen keck aus. Vielleicht lag das bei ihm in der Familie, dass man immer ein bisschen keck aussah. Schabernacks Familie war ziemlich groß und quicklebendig. Quirlig und sehr viele waren sie.

Es fiel höchstwahrscheinlich gar nicht auf, dass Schabernack gerade nicht dabei war. Dass er hier auf dem Balkon saß und sich die Sonne auf den Pelz scheinen ließ, während die anderen … Er wusste gar nicht so genau, was die anderen in diesem Moment alle taten.

Wahrscheinlich das, was sie immer tun. In den Wäldern und Gärten auf Bäumen und Sträuchern herumkrabbeln, sich sonnen, sich verstecken, fressen, schlafen und nach Harz duften.

Schabernack hatte keine Lust mehr.

Dieser schrille Schrei von diesem Mädchen war ihm durch Mark und Bein gegangen. Wenn man bei ihm überhaupt von Mark und Bein sprechen konnte. Denn er hatte nicht so wirklich Gebeine, also Knochen, auf die sich der Ausdruck Mark und Bein bezieht. Er war eher ein Insekt.

„Iiiiiihhhh, guck mal, Papa, eine Schabe, eine ganz widerliche Küchenschabe!“, hatte das Mädchen gerufen. Schabernack war zusammengezuckt und hatte sich vor Schreck lange nicht vom Fleck rühren können, obwohl er am liebsten in Grund und Boden versunken wäre. Leider war der Boden unter ihm nicht aufgegangen, der Untergrund war stabil und undurchdringlich. Selbst für ein Insekt.

Dass Schabernack so hieß, wie er hieß, war normalerweise kein Problem, solange nicht Menschen in der Nähe waren, die ihn mit einer Schabe verwechselten. Denn Schabernack war keine Schabe. Er hieß bloß so ähnlich. Er hatte nichts gegen Schaben, aber was Recht ist, musste Recht bleiben, und Wanzen sind nun mal keine Schaben. Aber wie hätte er das einem hysterischen Mädchen erklären sollen?

Er war keine Schabe und lief weder in Großküchen herum und ernährte sich von Essensresten, alter Pappe und Staub, der sich gerne hinter den Kühlschränken ansammelte, noch wohnte er mit seiner Familie in der feuchten Rohr-Welt hinter den Toiletten, wo man sich so gut hätte verstecken können, wenn man denn eine Schabe gewesen wäre.

Schabernack gehörte zur Familie der Amerikanischen Kiefernwanzen. Genauer gesagt hießen sie Nordamerikanische Kiefernwanzen. Das war nichts, wofür er sich schämen musste. Ok, auch Schabe zu sein wäre nichts gewesen, wofür er sich hätte schämen müssen. Eher das Mädchen, das sie nicht auseinander halten konnte, den Unterschied nicht kannte, in der Schule vielleicht nicht genug aufgepasst hatte und völlig grundlos hysterisch wurde, vor lauter Vorurteilen und falscher Erziehung, hätte sich vielleicht schämen sollen, aber das ist auch wieder eine Frage der Perspektive. Da kann auch wieder jemand anders ansteckend gewirkt haben und damit verantwortlich sein, obwohl auch dieser jemand vielleicht nur fehlinformiert und verblendet war. Man konnte keinen Schuldigen finden und letztendlich war es auch egal. Er jedenfalls, Schabernack, hatte sich nichts zu Schulden kommen lassen.

Irgendwie war seine Familie, genauer gesagt, ihre Vorfahren, aus Nordamerika ausgewandert. Man weiß es nicht genau, aber vermutlich war ihnen eines Tages ihr Zuhause unter dem Hintern weg auf ein Schiff verladen worden, wobei nicht sicher ist, ob man bei ihnen überhaupt von einem Hintern sprechen konnte, da sie Insekten waren und keine Säugetiere. Jedenfalls sind sie irgendwie zufällig, wahrscheinlich mitsamt ihren Bäumen, vielleicht in der Kiefernrinde versteckt, in Europa gelandet.

Schabernack wusste genau: Wanze mit Migrationshintergrund zu sein ist nichts, wofür man sich schämen muss.

Glücklicherweise hatte ihn der Schuh nicht getroffen, den die Menschen nach ihm geworfen hatten, nachdem das Mädchen sich spontan geirrt und ihn fälschlicherweise denunziert hatte.

Glücklicherweise hatte Schabernack überlebt.

Er saß jetzt auf dem Balkon, ließ sich die Sonne auf den Pelz scheinen und war mit sich selbst im Reinen.

Und wer genau hinhört, kann sogar eine leise Melodie ausmachen: „Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt `ne kleine Wanze. Schaut Euch nur die Wanze an, wie die Wanze tanzen kann! Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt …“ Schabernack.